Träume im Folklore

Von Prof. Dr. Sigm. Freud und Dr. D. E. Oppenheim (Wien)

[1911]

 

»Celsi praetereunt austera poemata ramnes.«
Persius, »Satirae«

Der eine von uns (O.) hat bei seinen Folklorestudien an den dort erzählten Träumen zwei Beobachtungen gemacht, die ihm der Mitteilung wert erschienen sind. Erstens, daß die in diesen Träumen angewendete Symbolik sich vollkommen mit der von den Psychoanalytikern angenommenen deckt, und zweitens, daß eine Anzahl dieser Träume vom Volke so gefaßt wird, wie sie auch die Psychoanalyse deuten würde, nämlich nicht als Hinweise auf eine zu enthüllende Zukunft, sondern als Wunscherfüllungen, Befriedigungen von Bedürfnissen, die sich während des Schlafzustandes regen. Gewisse Eigenheiten dieser durchwegs indezenten, als Schwänke erzählten Träume haben es dann dem anderen von uns (Fr.) nahegelegt, eine Deutung derselben zu versuchen, welche sie doch als ernsthafter und beachtenswerter erscheinen läßt.

I
Penis-Symbolik in Folklore-Träumen

Der Traum, den wir voranstellen, obwohl er keine symbolische Darstellung enthält, klingt fast wie ein Hohn auf die prophetische und ein Plädoyer für die psychologische Traumdeutung.

Prophetische und psychologische Traumdeutung
Penissymbole 1

Eine Traumdeutung1

Ein Mädchen erhob sich von ihrer Bettstatt und erzählt der Mutter, wie ihr ein gar wunderbarer Traum geträumt.

Nun, was hat dir da geträumt? fragt sie die Mutter.

Wie soll ich es dir nur sagen, ich weiß selber nicht wie, so etwas Langes, Rotes und Abgestumpftes.

Das Lange bedeutet einen Weg, sagte die Mutter nachsinnend, einen langen Weg, das Rote bedeutet Freude, doch weiß ich nicht, was ihm das Abgestumpfte bedeuten mag!

Des Mädchens Vater, der sich inzwischen ankleidete und alles mit anhörte, was Mutter und Tochter daherredeten, murmelte da mehr in sich hinein: »Das gleicht ja einigermaßen meinem Prächtigen!«1a

Es ist sehr viel bequemer, die Traumsymbolik im Folklore als in den wirklichen Träumen zu studieren. Der Traum ist genötigt zu verbergen und liefert seine Geheimnisse nur der Deutung aus; diese Schwänke aber, die sich als Träume verkleiden, wollen mitteilen, zur Lust dessen, der sie vorbringt, wie dessen, der sie anhört, und setzen deshalb die Deutung ungescheut zum Symbol hinzu. Sie freuen sich der Bloßlegung der verhüllenden Symbole.

Im nachstehenden Vierzeiler erscheint der Penis als Szepter:

Penissymbole 3

Heut Nacht hat ma trammt i wa König im Land,
Und wie i bin munter wur’n hab i in Schwaf in da Hand.2

Man vergleiche mit diesem »Traum« die folgenden Beispiele, in denen die nämliche Symbolik außerhalb des Traumes gebraucht wird.

Herzigs schöns Deandl
I hab di so gern
Gib dir n Zepter in d Hand,
Kannst Königin wern.3

Napoleon Bonaparte sprach
Einst zu seinem Sohne:
Solång’ der Schwänz dås Szepter is,
Bleibt die Fut die Krone.4

Der künstlerischen Phantasie beliebt eine andersartige Variation dieser symbolischen Verherrlichung des Genitales. Auf einem großartigen Blatte von Felicien Rops,5 das die Überschrift führt: »Tout est grand chez les rois«, sieht man eine nackte Königsgestalt mit den Zügen des Roi Soleil, dessen riesenhafter, bis zur Höhe der Hände erhobener Penis selbst eine Krone trägt. Die rechte Hand balanciert ein Szepter, während die linke einen großen Reichsapfel umfaßt, der durch eine mittlere Furche eine unverkennbare Ähnlichkeit mit einem anderen erotisch begehrten Körperteil gewinnt.6 Der Zeigefinger der linken Hand ist in diese Spalte eingeschlagen.

In dem nun mitzuteilenden schlesischen Volkslied wird ein Traum nur fingiert, um einen anderen Hergang zu decken. Der Penis erscheint hier als Wurm, (dicker Regenwurm), der in das Mädchen hineingekrochen ist und zur richtigen Zeit als Würmchen (Kind) wieder herauskriecht.

Penissymbole 2 (Wurm)

Lied vom Regenwurm7
Susanna lag im feuchten Grase
und träumte schlummernd von dem Lieb,
Ein Lächeln spielte um ihre Nase,
Sie dachte an den Herzensdieb.
 
Da plötzlich ward, o Traum, o banger!
Aus ihrem Liebsten hold und fein
Ein dicker Regenwurm, ein langer,
Der kroch ihr in den Bauch hinein.
 
Voll Schreck erwacht das junge Mädchen
Und eilte weinend hin zum Städtchen,
Erzählte jammernd groß und klein:
»Ein Regenwurm kroch in mich ’nein.«
 
Die Mutter hörte diesen Jammer
Und hat gezetert und geflucht,
Sie zog das Mädchen in die Kammer
Und hat es gründlichst untersucht.
 
Sie forschte nach dem Regenwurme,
Doch leider ohne Resultat,
Drum eilte sie davon im Sturme
Und hat ’ne weise Frau gefragt.
 
Die legte dem Mädchen gar schlau die Karten
Und sprach darauf: »Wir müssen warten.
Herzbube hab’ ich umsonst befragt,
Will sehen, was der König sagt. –
 
Rotkönig zeigte klar und deutlich,
Der Wurm kroch wirklich in die Maid,
Doch ist’s zum Eingriff noch zu zeitlich,
Denn jedes Ding braucht seine Zeit.«
 
Susanna hört die trübe Kunde
Und schloß sich traurig ein zuhaus.
Da endlich naht die bange Stunde
Und glücklich kriecht das Würmchen aus.
 
Drum, Mädchen, nehmt euch bei der Nase
Und schlummert träumend nicht im Grase,
Sonst kriecht euch auch zur Angst und Pein
So’n dicker Regenwurm hinein. –8

Die gleiche Symbolisierung des Penis als Wurm ist aus zahlreichen zotigen Witzen bekannt.

Der nun folgende Traum symbolisiert den Penis als Dolch, indem er die träumende Frau an einem Dolch ziehen läßt, um sich zu erstechen, während sie vom Manne geweckt und gemahnt wird, ihm nicht das Glied auszureißen.

Ein böser Traum9

Es träumte einem Frauenzimmer, es wäre mit ihnen so weit gekommen, daß sie vor dem Feiertag nichts zu essen hatten und auch nichts kaufen konnten. Ihr Mann hatte alles Geld vertrunken. Es blieb nur ein Lotterielos, und auch dies sollte man schon jemandem zum Pfand geben. Dies hielt er noch zurück, denn am zweiten Jänner sollte die Ziehung sein. Er sagte: »Nun Frau, morgen ist die Ziehung, mag das Los noch eine Zeitlang bleiben. Wenn wir nicht gewinnen, dann müssen wir das Los verkaufen oder versetzen.« – »Nun zum Teufel mit ihm, zahlst du nur die Fürchtelei und hast einen Vorteil dabei, wie vom Bock die Milch.« So war der Morgen angebrochen. Sieh, da kam der Zeitungsausträger. Er hielt ihn an, nahm eine Nummer und begann die Liste durchzusehen. Er ließ die Augen über die Ziffern gleiten, alle Kolonnen schaute er durch, seine Nummer war nicht darunter; er traute seinen Augen nicht, sah nochmals durch, und hier traf er schon auf die Nummer seines Loses; und die Nummer des Loses war dieselbe, die Nummer der Serie stimmte aber nicht. Er traute wiederum sich selbst nicht und dachte bei sich: »Das muß ein Irrtum sein! Wart mal, ich will in die Bank gehen und werde auf jeden Fall Gewißheit erlangen.« So ging er hin mit gesenktem Kopf; unterwegs begegnete ihm ein zweiter Zeitungsausträger. Er kaufte noch eine Nummer von einer zweiten Zeitung, durchsah die Liste und hatte sofort die Nummer seines Loses herausgefunden, auch die Serie war dieselbe, die auch sein Los enthielt. Der Gewinn von 5000 Rubeln fiel auf sein Los. Da stürzte er in das Bankhaus, kam dorthin gelaufen und bat, man solle ihm den Treffer sofort auszahlen. Der Bankier sagte, daß sie nicht eher auszahlen könnten, erst in einer Woche oder auch in zwei. Er begann zu bitten: »Seid so gut, gebt wenigstens einen Tausender her, den Rest kann ich später bekommen.« Der Bankier schlug es ihm ab, erteilte ihm aber den Rat, sich an jene Privatperson zu wenden, die ihm das Gewinnlos verschaffte. Nun, was war da zu machen? Da erschien, wie aus dem Boden gewachsen, ein Jüdchen. Er roch den Braten und machte ihm den Vorschlag, ihm sofort das Geld auszuzahlen, aber statt 5000 nur 4000. Der fünfte Tausender solle ihm zufallen. Er war über dieses Glück erfreut und entschloß sich, dem Juden den Tausender zu schenken, um nur sofort das Geld zu erhalten. Er nahm vom Juden das Geld und übergab ihm das Los. Dann ging er nach Hause; unterwegs trat er in eine Schenke ein, stürzte ein Gläschen hinab, und von dort gings direkt nach Hause; er ging und grinste und summte ein Liedchen. Das Weib erblickte ihn durch das Fenster und dachte: ›Da hat er sicherlich das Los verkauft; man sieht, daß er fröhlich ist, wahrscheinlich ist er eingekehrt und hat sich vor Elend angetrunken.‹ Nun trat er ins Haus ein, legte das Geld auf den Tisch in der Küche, dann ging er zum Weibe, ihr die fröhliche Nachricht zu bringen, daß er gewonnen und das Geld erhalten. Bis sie sich in ihrem Glücke satt umarmt und abgeküßt, erwischte das dreijährige Töchterchen das Geld und warf es in den Ofen. Nun eilten sie herbei, das Geld zu zählen, da war es nicht mehr da. Es brannte das letzte Päckchen. Vor Wut ergriff er das Mädchen an den Beinen und schleuderte es an den Ofen. Es gab den Geist auf. Da sah er das Unglück, Sibirien konnte er nicht entgehen, packte den Revolver und – puff, schoß er sich in die Brust, und fort war sein Geist. Über solch ein Unglück entsetzt, erwischte sie einen Dolch und wollte sich erstechen. Sie versuchte ihn aus der Scheide zu ziehen und konnte es auf keine Weise. Dann hörte sie, wie vom Himmel, eine Stimme: »Genug, laß ab, was machst du?« Sie wachte auf und sah, daß sie nicht an einem Dolch, sondern ihren Mann am Zumpt zog. Und der sagte ihr: »Genug, laß ab, sonst reißt du mir ihn aus!«

Die Darstellung des Penis als Waffe, schneidendes Messer,10 Dolch etc. ist uns aus den Angstträumen insbesondere abstinenter Frauen vertraut und liegt auch zahlreichen Phobien neurotischer Personen zugrunde. Die komplizierte Einkleidung des vorstehenden Traumes fordert uns aber zum Versuch heraus, das Verständnis derselben durch psychoanalytische Deutung in Anlehnung an vorher vollzogene Deutungsarbeiten zu klären, wobei wir nicht verkennen, daß wir ein Stück weit über das vom Folklore Gebotene hinausgehen und somit an Sicherheit einbüßen.

Da dieser Traum in eine von der Frau als Traumhandlung ausgeführte sexuelle Aggression ausgeht, liegt es nahe, die materielle Notlage des Trauminhaltes zum Ersatz für eine sexuelle Notlage zu nehmen. Nur die äußerste libidinöse Nötigung kann ja eine solche Aggression des Weibes rechtfertigen. Andere Stücke des Trauminhaltes weisen nach einer ganz bestimmten anderen Richtung hin. Die Schuld für diese Notlage wird dem Manne zugeschrieben (er hatte alles Geld vertrunken).11 Wenn dann der Traum den Mann und das Kind aus dem Wege räumt und in geschickter Weise dem eigenen Schuldgefühl an diesen Wünschen ausweicht, indem er das Kind vom Manne töten läßt, worauf sich dieser aus Reue selbst umbringt, so läßt solcher Inhalt des Traumes nach vielfachen Analogien auf eine Frau schließen, die von ihrem Manne unbefriedigt ist und in ihrer Phantasie eine andere Ehe ersehnt. Es ist dabei für die Deutung gleichwertig, ob man diese Unzufriedenheit der Träumerin als eine permanente oder nur als Ausdruck ihrer momentanen Bedürftigkeit auffassen will. Die Lotterie, die im Traume den kurzdauernden Glückstaumel herbeiführt, könnte man vielleicht als symbolische Andeutung der Ehe verstehen. Es ist dies Symbol aus psychoanalytischer Arbeit noch nicht mit Sicherheit erkannt, aber die Menschen pflegen ja zu sagen, die Ehe sei ein Glücksspiel, man habe in der Ehe das große Los oder eine Niete gezogen.12 Die Zahlen, die durch die Traumarbeit eine ungeheuerliche Vergrößerung erfahren haben,13 entsprechen dann wohl den »Nummern«, den gewünschten Wiederholungen des befriedigenden Aktes. Man wird so aufmerksam gemacht, daß das Zerren am Glied des Mannes nicht allein die Bedeutung einer libidinösen Provokation hat, sondern auch die Nebenbedeutung einer geringschätzigen Kritik, als wollte die Frau das Glied ausreißen – wie es der Mann richtig auffaßt weil es nichts tauge, seine Schuldigkeit nicht tue.

Wir würden nicht bei der Deutung dieses Traumes verweilt und ihn über die offen vorliegende Symbolik hinaus ausgebeutet haben, wenn nicht andere Träume, die gleichfalls mit einer Traumhandlung abschließen, dartun würden, daß hier vom Volke eine typische Situation ins Auge gefaßt wird, die einer einheitlichen Zurückführung fähig ist. (Vgl. unten.)

II
Kotsymbolik und entsprechende Traumhandlungen

Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß in uranfänglichen Kinderzeiten der Kot eine hochgeschätzte Substanz war, an welcher koprophile Triebe ihre Befriedigung fanden. Mit der durch die Erziehung möglichst beschleunigten Verdrängung dieser Triebe verfiel diese Substanz der Verachtung und diente nun bewußten Tendenzen als Ausdrucksmittel der Geringschätzung und des Hohnes. Gewisse seelische Arbeitsweisen wie der Witz verstanden es noch, die verschüttete Lustquelle für einen kurzen Moment zugänglich zu machen, und zeigten so, wie viel von der einstigen Schätzung des Menschen für seinen Kot im Unbewußten noch erhalten geblieben war. Der bedeutsamste Rest dieser früheren Wertung war aber, daß alles Interesse, welches das Kind für den Kot gehabt hatte, sich beim Erwachsenen auf einen anderen Stoff übertrug, den er im Leben fast über alles andere hochstellen lernte, auf das Gold.14 Wie alt diese Beziehung zwischen Dreck und Gold ist, ersieht man aus einer Bemerkung bei Jeremias:15 Das Gold sei nach altorientalischem Mythus Dreck der Hölle.16

In den Folkloreträumen wird das Gold auf die eindeutigste Weise als Symbol des Kotes bekannt. Wenn der Schläfer ein Bedürfnis nach Kotentleerung verspürt, träumt er vom Golde, von einem Schatz. Die Einkleidung des Traumes, die dazu bestimmt ist, ihn zur Befriedigung des Bedürfnisses im Bette zu verleiten, läßt gewöhnlich den Kothaufen zum Zeichen für die Stelle machen, an welcher der Schatz gefunden ist, d.h.: der Traum sagt wie durch endopsychische Wahrnehmung direkt, wenn auch in umgekehrter Fassung, das Gold sei ein Zeichen, Symbol, für den Kot.

Ein einfacher solcher Schatz- oder Defäkationstraum ist der in den Facetien des Poggio erzählte.

Traumgold17

Einer erzählt in einer Gesellschaft, daß er im Traume Gold gefunden habe. Darauf gibt ein anderer folgende Geschichte zum besten: (dies wörtlich)

»Mein Nachbar träumte einmal, der Teufel habe ihn auf einen Acker geführt, um Gold zu graben. Er fand aber keins, da sagte der Teufel: ›Es ist schon da, du kannst es nur jetzt nicht heben, aber merk dir die Stelle, damit du sie allein wiedererkennen kannst.‹

Als der andre bat, daß die Stelle durch irgendein Zeichen kenntlich gemacht würde, meinte der Teufel: ›Scheiß nur hier hin, dann wird kein Mensch auf den Gedanken kommen, daß hier Gold liegt, und du wirst dir’s genau merken können.‹

Der Mann tat das auch, wachte dann sofort auf und fühlte, daß er einen großen Haufen ins Bett gemacht hatte.«

(Der Schluß im Auszug) Wie er aus dem Hause flüchtet, setzt er sich eine Mütze auf, in die während derselben Nacht eine Katze gemacht hat. Er muß sich Kopf und Haare waschen.

»So wurde ihm sein Traumgold zu Dreck.«

Tarasevsky [berichtet einen ähnlichen Traum aus der Ukraine]:18

Im Traume bekommt ein Bauer vom Teufel, dem er eine Kerze geweiht hat, einen Schatz und setzt einen Haufen als Merkmal.19

Wenn in diesen beiden Träumen der Teufel als Schatzspender und Verführer auftritt, so braucht uns dies nicht zu verwundern, denn der Teufel, selbst ein aus dem Paradies gedrängter Engel, »ist doch gewiß nichts anderes als die Personifikation des verdrängten unbewußten Trieblebens«.20

Die Motive dieser einfachen Schwankträume scheinen auch durch die zynische Lust am Schmutzigen und durch die boshafte Befriedigung über die Beschämung des Träumers erschöpft. In anderen Schatzträumen aber wird die Einkleidung des Traumes in mannigfacher Weise variiert und nimmt verschiedene Bestandteile auf, nach deren Herkunft und Bedeutung wir uns fragen dürfen. Denn für ganz willkürlich und bedeutungslos werden wir auch diese Inhalte des Traumes, die die Befriedigung rationalistisch rechtfertigen sollen, nicht ansehen.

In den zwei nächsten Beispielen ereignet sich der Traum nicht einem einsamen Schläfer, sondern einem von zwei Schlafgenossen, die – zwei Männer – ein Bett miteinander teilen. Der Träumer beschmutzt infolge des Traumes seinen Bettgenossen.

Lebhafter Traum21

Zwei Handwerkburschen kamen müde in eine Herberge und baten um Nachtquartier. »Ja«, sagte der Wirt, »wenn ihr euch nit fürchtet, könnt ihr eine Schlafkammer bekommen, aber da ist es nicht geheuer drinn. Wollt ihr bleiben, bon (gut), dann soll die Herberg, was das Schlafen anlangt, nichts kosten!« Gegenseitig fragten sich die Burschen: »Fürchtest du dich?« – »Nein.« Gut, so packten sie denn noch einen Liter Wein und gingen alsdann in die angewiesene Kammer.

Kaum lagen sie einige Zeit, da öffnete sich die Türe und eine weiße Gestalt schwebte durch das Gemach. Der eine sagte zum anderen: »Hast du nichts gesehen?« – »Ja.« – »Na, warum hast du nichts gesagt?« »Warte nur, s’ kommt schon wieder durch das Gemach.« Richtig, abermals schwebte die Gestalt einher. Rasch sprang der eine Bursche auf, doch noch rascher schwebte das Gespenst zur Türspalte hinaus. Der Bursche nicht faul, reißt die Tür auf und sah die Gestalt, eine schöne Frau, schon auf der halben Treppe gehen. »Was macht Ihr da?« rief der Bursche. Die Gestalt blieb stehen, wendete sich um und sprach: »So jetzt bin ich erlöst. Schon lang mußt ich wandern. Als Lohn nimm den Schatz, der an der Stelle liegt, wo du eben stehst.« Der Bursche war ebensowohl erschrocken als erfreut, und um die Stelle zu bezeichnen, hob er sein Hemd auf und pflanzte einen ordentlichen Haufen, indem er dachte, dieses Zeichen würde keiner verwischen. Doch wie er am glücklichsten ist, fühlt er sich plötzlich gepackt. »Dü Söikaib« (Du Schweinehund), tönt es an seine Ohren, »schiß mer in min Hem« (machst mir in mein Hemd). Bei diesen groben Worten erwachte der glückliche Träumer aus seinem Märchenglück und flog unsanft aus dem Bette.22

Er schiß aufs Grab23

In ein Hotel kehrten zwei Herren ein, aßen zu Nacht und tranken und wollten schließlich schlafen gehen. Sie sagten zum Wirten, er möge ihnen eine Stube anweisen. Da alles besetzt war, überließ ihnen der Wirt sein Bett, damit sie gemeinsam darin schlafen, er aber werde sich schon anderswo eine Schlafstelle ausfindig machen. Die zwei legen sich in ein Bett nieder. Dem einen erschien im Traum ein Geist, der eine Kerze anzündete und ihn zum Friedhof hinführte. Das Friedhoftor öffnete sich, der Geist aber mit der Kerze in der Hand und hinterdrein dieser Herr schreiten zum Grabe eines Mädchens hin. Als sie zum Grab hingelangt, verlosch auf einmal die Kerze. »Was fang ich jetzt an? Wie werde ich morgen, wann es Tag worden, erfahren, welches das Mädchengrab ist?« fragte er im Traume. Es kam ihm ein rettender Gedanke, er zog die Leinenhosen aus und beschiß sich aufs Grab. Nachdem er sich beschissen, schlug ihn sein Kamerad, der an seiner Seite schlief, auf die eine und die andere Wange: »Was, du wirst mir gar ins Gesicht scheißen?«

In diesen beiden Träumen treten an Stelle des Teufels andere unheimliche Gestalten auf, Gespenster nämlich, als Geister Verstorbener. Der Geist im zweiten Traum führt den Träumer selbst auf den Friedhof, wo er mit der Kotentleerung ein bestimmtes Grab bezeichnen soll. Ein Teil dieser Situation ist nun sehr leicht zu verstehen. Der Schläfer weiß, daß das Bett nicht der geeignete Ort für die Befriedigung seines Bedürfnisses ist; er läßt sich also im Traum von diesem wegführen und erschafft sich eine Person, die seinem dunkeln Drange den rechten Weg zeigt zu dem anderen Ort, wo die Befriedigung des Bedürfnisses gestattet, ja durch die Umstände geboten ist. Der Geist im zweiten Traum bedient sich sogar bei dieser Führung einer Kerze, wie es ein Hausdiener tun würde, der den Fremden im Dunkel der Nacht zum W. C. geleitet. Warum sind aber diese Repräsentanten des Triebes zur Ortsveränderung, die sich der bequeme Schläfer durchaus ersparen will, so unheimliche Gesellen wie Gespenster und Geister von Verstorbenen, warum führt der Geist im zweiten Traum auf einen Friedhof wie zur Schändung eines Grabes? Diese Elemente scheinen doch mit dem Drang zur Kotentleerung und der Symbolisierung des Kotes durch Gold nichts zu tun [zu] haben. Es zeigt sich in ihnen ein Hinweis auf eine Angst, die man etwa auf ein Bemühen, die Befriedigung im Bett zu unterdrücken, zurückführen könnte, ohne daß diese Angst gerade den spezifischen Charakter des auf den Tod hindeutenden Trauminhaltes erklärte. Wir enthalten uns hier noch der Deutung und heben ferner als erklärungsbedürftig hervor, daß in diesen beiden Situationen, wo zwei Männer miteinander schlafen, das Unheimliche des gespenstischen Führers mit einem Weib in Zusammenhang gebracht ist. Der Geist des ersten Traumes enthüllt sich bald als eine schöne Frau, die sich nun erlöst fühlt, und der Geist des zweiten Traumes nimmt zum Ziel das Grab eines Mädchens, welches mit der Kennzeichnung versehen werden soll.

Wir wenden uns zur weiteren Aufklärung an andere solche Defäkationsträume, in denen die Schlafgenossen nicht mehr zwei Männer, sondern Mann und Frau, ein Ehepaar sind. Die im Schlaf infolge des Traumes vollzogene Befriedigungshandlung erscheint hier besonders abstoßend, verbirgt aber vielleicht gerade darum einen besonderen Sinn.

Wir schicken hier [wegen] seiner inhaltlichen Beziehungen zu den nachstehenden einen Traum voraus, der strenge genommen obiger Ankündigung nicht entspricht. Er ist insoferne unvollständig, als die Beschmutzung der Bettgenossin und Ehegattin entfällt. Dafür ist der Zusammenhang des Defäkationsdranges mit der Todesangst überdeutlich. Der Bauer, der als verheiratet bezeichnet ist, träumt, daß er vom Blitze erschlagen wird und daß seine Seele zum Himmel schwebt. Oben bittet er, noch einmal zur Erde zurückkehren zu dürfen, um Frau und Kinder zu sehen, bekommt die Erlaubnis, sich in eine Spinne zu verwandeln und sich an dem selbstgesponnenen Faden herabzulassen. Der Faden wird zu kurz, und im Bestreben, noch mehr vom Faden aus seinem Leib herauszudrücken, erfolgt die Kotentleerung.

Traum und Wirklichkeit24

Ein Bauer lag im Bett und träumte. Er sah sich auf dem Felde bei seinen Ochsen und ackerte. Da fuhr plötzlich ein Blitz hernieder und erschlug ihn. Nun fühlte er deutlich, wie seine Seele nach oben schwebte und auch schließlich im Himmel ankam. Petrus stand an der Eingangtüre und wollte den Bauern einfach hineinschicken. Dieser aber bat, noch einmal auf die Erde hinunter zu dürfen, um sich von seiner Frau und seinen Kindern wenigstens verabschieden zu können. Petrus aber meinte, das ginge nicht, und wer einmal im Himmel sei, den lasse man nicht wieder auf die Welt. Jetzt weinte der Bauer und bat jämmerlich, bis Petrus endlich nachgab. Es gab nämlich nur eine Möglichkeit für den Bauern, die Seinen wiederzusehen, wenn ihn Petrus in ein Tier verwandelte und hinabschickte. So wurde der Bauer zu einer Spinne und spann einen langen Faden, an dem er sich hinunterließ. Als er ungefähr in Schornsteinhöhe über seinem Gehöfte angekommen war und seine Kinder schon auf der Wiese spielen sah, merkte er zu seinem Schrecken, daß er nicht mehr weiterspinnen könnte. Die Angst war natürlich groß, denn er wollte doch gänzlich auf die Erde. Deshalb drückte und drückte er, damit der Faden länger würde. Er drückte aus Leibeskräften – da gab es einen Krach – und der Bauer erwachte. – Ihm war während des Schlafes etwas sehr Menschliches passiert.

Wir begegnen hier dem gesponnenen Faden als einem neuen Symbol des entleerten Kotes, während uns die Psychoanalyse zu dieser Symbolisierung kein Gegenstück liefert, sondern dem Faden eine andere symbolische Bedeutung zuweist. Dieser Widerspruch wird späterhin seine Erledigung finden.

Der nächste, reich ausgeschmückte und scharf pointierte Traum ist sozusagen »geselliger«; er geht in die Beschmutzung der Ehefrau aus. Seine Übereinstimmungen mit dem vorstehenden Traum sind aber ganz auffällige. Der Bauer ist zwar nicht gestorben, aber er befindet sich im Himmel, will zur Erde zurückkehren und verspürt die gleiche Verlegenheit, einen genug langen Faden zu »spinnen«, an dem er sich herablassen kann. Diesen Faden schafft er aber nicht als Spinne aus seinem Körper, sondern in weniger phantastischer Weise aus allem, was er zusammenknüpfen kann, und wie der Faden noch immer nicht reicht, raten ihm die Englein direkt zu scheißen, um den Strick durch den Dreck zu verlängern.

Des Bauern Himmelfahrt25

Ein Bauer träumte folgendes: Er hatte erfahren, daß im Himmel der Weizen in hohem Preise steht. Da kriegte er Lust, seinen Weizen dorthin zu fahren. Er belud seinen Wagen, spannte das Pferd ein und machte sich auf den Weg. Er fuhr weit dahin, erblickte die Himmelstraße und lenkte hin. So kam er an das Himmeltor, und sieh’ da, es stand offen. Er nahm einen direkten Anlauf, um stracks hineinzufahren – kaum hatte er aber den Wagen hingelenkt – schwups! da krachte das Tor zu. Da begann er zu bitten: »Laßt mich hinein, seid so gut.« Die Engel aber ließen ihn nicht hinein, sagten, er habe sich verspätet. Da sah er ein, daß hier kein Geschäft zu machen sei – es war ihm halt nicht beschieden, und so kehrte er um. Doch sieh’ da! Der Weg war verschwunden, den er gefahren. Was sollte er da machen? Er wandte sich wieder an die Engel: »Täubchen seid so gut, führt mich zur Erde zurück, wenn’s möglich ist, gebt mir einen Weg, damit ich mit dem Gefährt nach Hause gelange.« Die Engel aber sagten: »Nein, Menschenkind, dein Gefährt bleibt hier, und du fahre hinunter wie du willst.« – »Wie werde ich mich da hinablassen, hab’ keinen Strick.« – »Such nur etwas, womit du dich hinablassen könntest.« So nahm er halt die Zügel, den Halfter, den Zaum, knüpfte alles aneinander und begann sich hinunterzulassen; er kroch und kroch, blickte hinunter, es fehlte noch viel bis zur Erde. Er kroch wieder zurück und verlängerte das Geknüpfte noch mit dem Gurt und Rückenriemen. Nun begann er wieder hinabzuklettern, und es langte noch immer nicht hinab zur Erde. Er knüpfte dann die Deichsel mit dem Wagengestell (?) an, es war noch zu kurz. Was war da zu tun? Er sann hin und her, und dann meinte er: »Na, ich will’s noch mit dem Rock, mit den Hosen, mit dem Hemd und obendrein mit dem Hosenband verlängern.« So machte er’s auch, knüpfte alles zusammen und kletterte weiter. Am Ende des Hosenbandes angelangt, war es noch immer weit zur Erde. Nun wußte er nicht, was er machen sollte; er hatte nichts mehr zum Weiteranknüpfen, und hinabzuspringen war’s gefährlich, er konnte sich das Genick brechen. Bat er wieder die Engel: »Seid so gut, führt mich zur Erde.« Die Engel sagten: »Scheiß, und aus dem Dreck wird ein Strick.« – Er schiß und schiß beinahe eine halbe Stunde, bis er nicht mehr womit zu scheißen hatte (bis er fertig war). Es ward daraus ein langer Strick, und er kletterte an ihm hinab. Er kletterte und kletterte und gelangte an das Ende des Strickes, zur Erde aber war’s noch immer weit. Da begann er wieder die Engel zu bitten, sie möchten ihn zur Erde bringen. Die Engel aber sagten: »Nun, jetzt, Menschenkind, brunze und daraus wird eine Seidenschnur!« Der Bauer brunzte, brunzte immer fort, bis er nicht mehr konnte. Er sah, daß daraus wahrhaftig eine Seidenschnur geworden, und er kletterte weiter. Er kletterte und kletterte und gelangte an’s Ende, sieh’ da! es reichte zur Erde nicht, es fehlten noch 1½–2 Klafter. Er bat die Engel wieder, ihn hinabzuführen. Die Engel aber sagten: »Nein, Bruder, jetzt ist dir nicht zu helfen, jetzt spring nur hinunter!« Der Bauer zappelte unentschlossen, fand nicht den Mut hinabzuspringen, dann aber sah er ein, daß ihm kein anderer Ausweg blieb und plumps! Statt vom Himmel flog er vom Ofen herunter und kam erst mitten in der Stube zur Besinnung. Da wachte er auf und rief: »Weib, Weib, wo bist du?« – Das Weib wachte auf, sie hatte das Gepolter gehört und sagte: »Pfui Teufel über dich, bist du verrückt geworden?« Tastete um sich herum und sah die Bescherung: ihr Mann hatte sie ganz beschissen und bebrunzt. Sie begann zu schimpfen und ihm ordentlich den Kopf zu waschen. Der Bauer sagte: »Was schreist du? Es ist ohnehin ein Verdruß. Das Pferd ist verloren, im Himmel geblieben, und ich wäre bald auch zu Grunde gegangen. Sag, Gott sei Dank, daß ich wenigstens am Leben geblieben.« – »Was schwatzt du da, du bist ganz übergeschnappt; das Pferd ist im Stall, und du warst auf dem Ofen, hast mich ganz besudelt und bist dann hinabgesprungen.« Da faßte sich der Mann, erst jetzt ging ihm ein Licht auf, daß er alles bloß geträumt, und dann erzählte er seinem Weibe den Traum, wie er in den Himmel fuhr und wie er von dort wieder zur Erde gelangte.

Hier drängt uns aber die Psychoanalyse eine Deutung auf, welche die ganze Auffassung dieser Gattung von Träumen verändert. Gegenstände, die sich verlängern, sagt uns die Erfahrung der Traumdeutung, sind durchwegs Symbole für die Erektion.26 In diesen beiden Schwankträumen liegt der Akzent auf dem Element, daß der Faden nicht lang genug werden will, und auch die Angst ist im Traume gerade daran geknüpft. Der Faden ist überdies wie alle seine Analoga (Strick, Seil, Zwirn etc.) ein Symbol des Samens.27 Der Bauer bemüht sich also, eine Erektion zustande zu bringen, und erst als dies nicht gelingt, wendet er sich zur Kotentleerung. Hinter der exkrementellen Not dieser Träume kommt mit einem Male die sexuelle Not zum Vorschein.

Diese eignet sich aber auch viel besser dazu, die übrigen Inhaltsbestandteile des Traumes zu erklären. Man muß sich sagen, wenn wir annehmen wollen, diese erfundenen Träume seien im wesentlichen korrekt gebildet, so kann die Traumhandlung, in der sie enden, nur eine sinnvolle und von den latenten Gedanken des Träumers beabsichtigte sein. Wenn der Träumer am Ende sein Eheweib bekackt, so muß der ganze Traum dahin zielen und diesen Effekt motivieren. Er kann nichts anderes bedeuten als eine Schmähung, strenge genommen eine Verschmähung des Weibes. Mit dieser ließe sich dann die tiefere Bedeutung der im Traume ausgedrückten Angst leicht in Verbindung bringen.

Die Situation, aus welcher dieser letzte Traum erwächst, können wir nach diesen Andeutungen in folgender Art konstruieren. Den Schläfer überfällt ein starkes erotisches Bedürfnis, welches im Eingang des Traumes in ziemlich deutlichen Symbolen angezeigt ist. (Er hat gehört, daß der Weizen [wohl gleich Samen] hoch im Preise steht. Er nimmt einen Anlauf, um mit Pferd und Wagen [Genitalsymbole] ins offene Himmelstor einzufahren.) Aber diese libidinöse Regung gilt wahrscheinlich einem nicht erreichbaren Objekt. Das Tor schließt sich, er gibt die Absicht auf und will zur Erde zurückkehren. Das Eheweib, das nahe bei ihm ruht, reizt ihn aber nicht; er bemüht sich vergebens, für sie eine Erektion zu haben. Der Wunsch, sie zu beseitigen, um sie durch eine andere und bessere zu ersetzen, ist im infantilen Sinne ein Todeswunsch. Wer solche Wünsche im Unbewußten gegen eine eigentlich doch geliebte Person hegt, dem wandeln sie sich in Todesangst, Angst um das eigene Leben. Daher in diesen Träumen das Gestorbensein, die Himmelfahrt, die heuchlerische Sehnsucht, Weib und Kinder wiederzusehen. Die enttäuschte sexuelle Libido aber läßt sich auf dem Wege der Regression durch die exkrementelle Wunschregung ablösen, welche das untaugliche Sexualobjekt beschimpft und besudelt.

Wenn uns dieser eine Traum eine solche Deutung nahelegt, so kann deren Erweis unter Rücksicht auf die Eigentümlichkeiten des vorliegenden Materials nur gelingen, indem wir dieselbe Deutung auf eine ganze Reihe von inhaltlich verwandten Träumen anwenden. Greifen wir in dieser Absicht auf die früher ermähnten Träume der Situation zurück, daß der Schläfer einen Mann zum Bettgenossen hat. Dann wird uns nachträglich die Beziehung bedeutungsvoll in welcher das Weib in diesen Träumen auftritt. Der Schläfer, von einer libidinösen Regung befallen, verschmäht den Mann, er wünscht ihn weit weg und ein Weib an seine Stelle. Der Todeswunsch gegen den unerwünschten Bettgenossen wird von der moralischen Zensur natürlich nicht so schwer gestraft wie der gegen die Ehefrau, aber die Reaktion reicht doch hin, um ihn gegen die eigene Person oder auf das gewünschte weibliche Objekt zu wenden. Der Schläfer wird selbst vom Tode geholt, nicht der Mann, sondern das ersehnte Weib ist verstorben. Am Ende aber bricht sich die Verschmähung des männlichen Sexualobjektes in der Besudelung Bahn, und diese wird auch vom anderen wie eine Beschimpfung empfunden und geahndet.

Unsere Deutung paßt also für diese Gruppe von Träumen. Wenn wir nun zu den Träumen mit Besudelung der Frau zurückkehren, so sind wir darauf vorbereitet, daß wir das an dem Mustertraum Vermißte oder nur Angedeutete in anderen ähnlichen Träumen unverkennbar ausgedrückt finden werden.

Im folgenden Defäkationstraum ist die Beschmutzung der Frau nicht betont, aber mit aller Deutlichkeit, soweit es auf symbolischem Wege geschehen kann, ist gesagt) daß die libidinöse Regung einer anderen Frau gilt. Der Träumer will nicht seinen eigenen Acker beschmutzen, sondern will zur Defäkation auf das Feld des Nachbarn.

Du Stick Vieh!28

Ein Bauer träumte, auf dem Kleeacker bei der Arbeit zu sein. Darüber kam ihn harte Not an, und da er seinen Klee nicht verdrecken wollte, eilte er an den im Nachbargrundstück stehenden Baum, riß die Hosen runter und schmetterte einen Fladen Numero Pfiff auf den Boden. Endlich wie er mit Genuß fertig war, will er sich auch säubern und beginnt, kräftig Gras abzurupfen. Aber was war denn das? Jählings fährt unser Bäuerlein aus dem Schlafe auf und hält sich seine schmerzend brennende Wange, an die es eben geklatscht hatte. »Du taub Stickel Vieh«, hört da der zu sich kommende Bauer sein Weib neben ihm im Bett poltern, »bruchsch m’r au noch d’Hoor volls (vollends) vum Lieb (Leib) ze ropfe.«

Das Ausrupfen der Haare (des Grases), welches hier die Stelle der Besudelung einnimmt, findet sich im nächsten Traume neben derselben erwähnt. Die psychoanalytische Erfahrung zeigt, daß es aus dem Symbolkreis der Onanie (ausreißen, abreißen) stammt.

Der Unterstützung am ehesten bedürftig erschiene in unserer Deutung der Todeswunsch des Träumers gegen sein Weib. Aber in dem nun mitzuteilenden Traum begräbt der Träumer direkt sein, heuchlerisch als Schatz bezeichnetes – Weib, indem er das Gefäß, welches das Gold enthält, in die Erde eingräbt und, wie wir es in den Schatzträumen gewohnt waren, den Kothaufen als Zeichen darauf pflanzt. Während des Grabens arbeitet er mit den Händen in der Vagina seiner Frau.

Der Traum vom Schatz29

A Baua håt anmäl an fürchtalichn Tram ghåbt. ’S is eahm gråd virkämma, åls obs z’ Kriagzeit wa’ und de ganze Gegend vo de feindlichn Soldåtn plindert wurt. Er håt åwa an Schätz ghåbt, um dem eahm so baung wår, das a går net recht aus und ei’ damit gewißt håt und wo-er-a ’n eigantli vastecken soll. Endli kummt a drauf, das a ’n in sein’ Gårtn vagråbt, wo-r-a a reeht a schens Platzl gewußt håt. No ålso, es tramt eahm hält weida, wie-r-a just aussigeht und zu den Platzl kummt, wo-r-a d’Erde aufgråbn wüll, damit a den großen Kruach ins Loch einistelln kaun. Wie-r-a åwa so nåch an Gråbscheit suacht, findt a rundumadum nix und muaß schließli d’ Händ dazua nehma. Er måcht ålso ’s Loch mit de bloßn Händ, stellt ’n Plutza mit ’n Geld eini und schitt das Gaunzi wieda mit Erdn zua. Hiatz will a geh, bleibt åwa nomål steh und denkt si: »Waun åwa d’ Soldåtn wieda weg san, wia wir’ i daun mein Schätz findn, waun i net a Zoacha hintua?« Und glei fängt a ins Suachn an, suacht ibaråll, obn, unt, hint und vurn, wo-r-a nur kaun, jå er findt hält nirgands nix, damit a glei immer wüßt, wo-r-a sei Geld vagråbn håt. No, då kummt eahm åwa gråd d’ Not au. »A«, sågt a zu eahm seba, »’s is a so a guat, waun i drauf scheiß.« Ziagt natirli d’ Hosn glei å und måcht an recht an trum Haufn auf de Stell, w-r-a ’n Plutza rinigstellt håt. Drauf siacht a danebn a ßischl Grås und will ’s ausreißn, damit a si awischn kann. Den Momet kriagt a awa so a trum Watschn, das a augnblickli munta wird und gaunz vaduzt dreiguckt. Und glei drauf hert a, wia ’n sei Weib, das gaunz aus ’n Häusl is, anbrüllt: »Du Påtznlippl, Du elendiga, glaubst i muaß ma ållas von Dir gfålln låssn? Z’erscht stierst ma mit Deine zwa Händ in da Fumml um, daun scheißt ma drauf und hiatz willst ma går no d’ Håar a davo ausreißn!«

Wir sind mit diesem Traumbeispiel wieder zu den Schatzträumen zurückgekehrt, von denen wir ausgegangen sind, und bemerken, daß jene Defäkationsträume, die von einem Schatz handeln, nichts oder wenig von Todesangst enthalten, wogegen die anderen, in denen die Todesbeziehung direkt ausgesprochen ist (Himmelfahrtsträume), vom Schatze absehen und die Defäkation anders motivieren. Es ist beinahe, als ob die heuchlerische Verwandlung des Weibes in einen Schatz die Bestrafung für den Todeswunsch erspart hätte.

Am deutlichsten wird der Todeswunsch gegen das Weib in einem anderen Himmelfahrtstraum eingestanden, der aber nicht in eine Defäkation auf den Körper des Weibes, sondern in eine sexuelle Vornahme an ihren Genitalien, wie schon im vorigen Traum, ausgeht. Der Träumer verkürzt direkt das Leben des Weibes, um seines zu verlängern, indem er Ol aus ihrer Lebenslampe in die seinige tut. Wie zum Ersatz für diese unverhohlene Feindseligkeit tritt zum Schluß des Traumes etwas wie ein Versuch einer Liebkosung auf.

Das Lebenslicht30

Der heilige Petrus erschien einem Manne, als der fest eingeschlafen war, und führte ihn ins Paradies weg. Von Herzen gern willigte der Mann ein und ging mit dem heiligen Petrus. Lange irrten sie im Paradies umher und kamen zu einem großen und geräumigen, dabei sehr schön in Ordnung gehaltenen Wäldchen, allwo auf jedem Baume mehrere Hängelampen brannten. Der Mann fragte den heiligen Petrus, was das hier bedeuten solle. Der heilige Petrus antwortete, das wären Hängelampen, die nur so lange brannten, als da der Mensch lebe, sowie jedoch das Öl verschwände und die Hängelampe verlöschte, müßte auch der Mensch sofort versterben. Das hat den sehr interessiert, und er bat den heiligen Petrus, er möge ihn zu seiner Hängelampe hinführen. Der heilige Petrus erhörte die Bitte und geleitete ihn zur Hängelampe seines Weibes hin, und gleich dabei befand sich auch die des Mannes. Der Mann sah, daß in der Hängelampe des Weibes noch viel Öl vorhanden sei, in seiner eigenen aber sehr wenig, und es tat ihm sehr leid, weil er bald sterben müßte, und da bat er den heiligen Petrus, er möchte noch ein wenig Öl in seine Hängelampe zugießen. Der heilige Petrus sagte, Gott schütte das Öl gleich bei der Geburt eines Menschen ein und bestimme jedem die Lebensdauer. Das versetzte den Mann in trübe Stimmung, und er jammerte neben der Hängelampe. Der heilige Petrus sprach zu ihm: »Bleib du jetzt da, ich aber muß weitergehen, ich habe noch zu tun!« – Der Mann freute sich dessen, und kaum rückte der heilige Petrus aus der Sehweite, begann er den Finger in seines Weibes Hängelampe einzutunken und in seine das Öl einzutröpfeln. So tat er es mehrmals, und sobald als der heilige Petrus nahte, fuhr er zusammen, erschrak und erwachte davon, und da merkte er, daß er den Finger in des Weibes Voz eingetunkt und leckend in seinen Mund den Finger abgeträufelt habe.

Anmerkung. Nach einer von einem Handwerker in Sarajevo erzählten Fassung erwachte der Mann nach einer Ohrfeige seiner Ehegattin, die er mit dem Herumbohren in ihrer Scham aufgeweckt. Hier fehlt der heilige Petrus, und statt der Hängelampen brennen Gläser mit Öl. – Nach einer dritten Fassung, die ich von einem Schüler aus Mostar erfahren, zeigt ein ehrwürdiger Greis dem Manne verschiedene brennende Kerzen. Seine ist sehr dünn, die des Weibes riesig dick. Nun beginnt der Mann, um sein Leben zu verlängern, mit brennendem Eifer die dicke Kerze zu belecken. Da kriegt er aber eine gewaltige Watschen. »Daß du ein Vieh bist, das wußte ich, doch daß du ein Ferkel bist, das wußte ich wahrhaftig nicht!« sagte sein Weib zu ihm, da er im Schlaf die Voze beleckte.

Die Geschichte ist außerordentlich weit in Europa verbreitet.31

Es ist jetzt an der Zeit, uns an den »bösen Traum« jener Frau zu erinnern, die am Ende ihren Mann am Gliede zog, als ob sie es ausreißen wollte. Die Deutung, zu welcher wir uns dort veranlaßt sahen, stimmt mit der hier vertretenen Deutung der Defäkationsträume des Mannes völlig zusammen. Aber auch der Traum der unbefriedigten Frau schafft den Mann (und das Kind) als Hindernis für die Befriedigung ungeniert beiseite.

Ein anderer Defäkationstraum, dessen Deutung vielleicht keine volle Sicherheit gestattet, mahnt uns doch, eine gewisse Abänderung in der Absicht dieser Träume zuzulassen, und wirft ein neues Licht auf Träume wie die letzterwähnten und einige noch mitzuteilende, in denen die Traumhandlung in einer Manipulation an den Genitalien des Weibes besteht.

Vor Schrecken31

Der Pascha nächtigte beim Begen. Als der Morgen tagte, da lag noch der Beg [sic] und mochte nicht aufstehen. Fragt der Beg den Pascha: »Was hat dir geträumt?« – »Ich träumte, auf dem Minaret wäre noch ein Minaret gewesen.« – »Uf, das wäre!« wundert sich der Beg. »Und was hast du noch geträumt?« – »Ich träumte«, sagt er, »auf diesem Minaret stünde ein Kupferbecken, im Becken aber wäre Wasser. Der Wind weht, das Kupferbecken wiegt sich. Ja, was hättest du getan, wenn du dies geträumt hättest?« – »Ich hätte mich vor Schrecken sowohl bepißt als beschissen.« – »Und siehst du, ich habe mich bloß bepißt.«

Eine Aufforderung zur symbolischen Deutung dieses Traumes liegt darin, daß sein manifester Inhalt recht unverständlich, die Symbole aber eher aufdringlich klar sind. Warum sollte der Träumer eigentlich erschrecken, wenn er ein Wasserbecken sich auf der Spitze eines Minarets wiegen sieht? Ein Minaret ist aber vortrefflich zum Symbol des Penis geeignet, und das rhythmisch bewegte Wassergefäß scheint ein gutes Symbol des weiblichen Genitales im Koitusakte. Der Pascha hat also einen Koitustraum gehabt, und wenn ihm von seinem Gastgeber zugemutet wird, dabei zu defäzieren, so liegt es nahe, die Deutung darin zu suchen, daß beide alte und impotente Männer sind, bei denen das Alter dieselbe sprichwörtliche Ersetzung der Geschlechtslust durch die exkrementelle Lust hervorgerufen hat, die wir in den anderen Träumen durch die Versagung des geeigneten Sexualobjektes entstanden sahen. Wer nicht mehr koitieren kann, meint das Volk in seiner derben Wahrheitsliebe, dem bleibt noch das Vergnügen am Scheißen; bei dem, können wir sagen, kommt die Analerotik wieder zum Vorschein, die früher da war als die Genitalerotik und durch diese jüngere Regung verdrängt und abgelöst wurde. Die Defäkationsträume konnten also auch Impotenzträume sein.

Die Abänderung der Deutung ist nicht so erheblich, wie es auf den ersten Blick scheinen könnte. Auch bei den Defäkationsträumen, deren Opfer das Weib wird, handelt es sich um Impotenz, relative Impotenz allerdings gegen die eine Person, welche ihren Reiz für den Träumer eingebüßt hat. Der Defäkationstraum wird so zum Traum des Mannes, der das Weib nicht mehr befriedigen kann, wie jenes Mannes, den ein Weib nicht mehr befriedigt.

Die nämliche Deutung als Impotenztraum läßt nun auch ein Traum in den Facetien des Poggio zu, der sich manifest allerdings als der Traum eines Eifersüchtigen gebärdet, also doch eines Mannes, der seiner Frau nicht zu genügen vermeint.

Der Ring der Treue33

Franciscus Philelphus war sehr eifersüchtig auf sein Weib und wurde von der größten Sorge gequält, daß [sie] mit einem andern Mann es hielt, und Tag und Nacht lag er auf der Lauer.

Da uns nun im Traum wiederzukehren pflegt, was uns im Wachen beschäftigt hat, so erschien ihm während seines Schlummers ein Dämon, der sagte ihm, wenn er nach seinem Geheiß täte, würde ihm sein Weib ewig die Treue halten.

Franciscus sagte es ihm im Traume zu, er würde ihm sehr dankbar sein, und versprach ihm noch eine Belohnung.

»Nimm den Ring da«, erwiderte der Dämon, »und trag ihn sorgfältig am Finger. Solang du ihn trägst, kann dein Weib mit keinem andern zusammenliegen, ohne daß du es weißt.«

Wie er froh erregt aufwachte, fühlte er, daß sein Finger in der Voz seines Weibes stecke.

Ein besseres Mittel haben die Eifersüchtigen nicht, so können ihre Weiber nie ohne Wissen der Männer sich von einem andern vornehmen lassen.

Als Quelle [sic] dieses Schwankes von Poggio gilt eine Erzählung [des] Rabelais, die, sonst sehr ähnlich, insoferne deutlicher ist, als sie den Ehemann direkt auf seine alten Tage ein junges Weib heimführen läßt, die ihm nun Grund zu eifersüchtigen Befürchtungen gibt.34

Hans Carvel war ein gelehrter, erfahrener, fleißiger Mann, ein Ehrenmann von gutem Verstand und Urteil, wohlwollend, barmherzig gegen die Armen und ein heiterer Philosoph; zu allem ein wackrer Kumpan, der gern seine Spaße machte, ein bißchen wohlbeleibt allerdings und wackelköpfig, aber sonst in allewege gut beein- ander. Auf seine alten Tage ehelichte er die Tochter des Amtsmanns Concordat, ein junges, dralles, munteres, artiges und gefälliges Weiblein, bloß eben ein wenig sehr freundlich gegen die Herren Nachbarn und Hausknechte. So kam’s, daß er im Verlauf etlicher Wochen eifersüchtig ward wie ein Tiger und argwöhnte, sie möchte sich eines Tages in einer fremden Werkstatt besohlen lassen. Um dem vorzubauen, erzählt’ er ihr einen ganzen Schock schöner Historien von den Strafen des Ehebruchs, las ihr oft liebliche Legenden von sittsamen Frauen vor, predigt’ ihr das Evangelium der Keuschheit, schrieb ihr ein Büchlein Lobgesänge auf die eheliche Treue, tadelte mit scharfen und eindringlichen Worten die Lüderlichkeit unzüchtiger Eheweiber und schenkt’ ihr obendrein noch ein prächtiges Halsband, das rings mit orientalischen Saphiren besetzt war.

Aber dessen ohngeachtet sah er sie also freundlich und zutunlich mit den Nachbarn umgehen, daß seine Eifersucht nur immer mehr anstieg. In einer Nacht nun, da er in so leidvollen Gedanken mit ihr zu Bett lag, träumt’ ihm, er spreche mit dem Leibhaftigen und klage ihm seinen Kummer. Aber der Teufel tröstet’ ihn, steckt’ ihm einen Ring an den Finger und sprach: »Nimm hier diesen Ring; solang du ihn am Finger trägst, wird dein Weib ohne dein Wissen und Wollen von keinem andern fleischlich erkannt werden.« – »Viel tausend Dank, Herr Teufel«, sagte Hans Carvel. »Ich will Mahomet verleugnen, wenn ich je den Ring vom Finger ziehe!« Der Teufel verschwand; Hans Carvel aber erwachte frohen Herzens und fand, daß er den Finger in seiner Frau Wieheißtsdochgleich hatte.

Ich vergaß zu erzählen, wie das Weiblein, da sie’s verspürte, mit dem Steiß nach hinten bockte, als wollt’ sie sagen: »Halt! nein nein, da herein gehört was anderes!«, was den Hans Carvel bedeucht’, als wollt’ man ihm seinen Ring abziehen.

Ist das kein unfehlbar Mittel? Glaub’ mir, handle nach diesem Vorbild und trag’ Sorge, allzeit deines Weibes Ring am Finger zu haben!135

Der Teufel, der wie in den Schatzträumen hier als Ratgeber auftritt, läßt wohl einiges von den latenten Gedanken des Träumers erraten. Er sollte wohl ursprüglich das ungetreue, schwer zu bewachende Weib »holen«; er zeigt dann im manifesten Traum das unfehlbare Mittel, wie man es dauernd bewahren kann. Auch hierin erkennen wir eine Analogie mit dem Beseitigungs-(Todes-)Wunsch der Defäkationsträume.

Wir wollen diese kleine Sammlung beschließen, indem wir in lockerem Zusammenhange einen Lotterietraum anfügen, welcher unsere vorhin geäußerte Vermutung, die Lotterie symbolisiere die Eheschließung, unterstützen kann.

Es gab eine Reue, doch gab’s kein Zurück36

Ein Kaufmann hatte einen wunderlichen Traum. Er träumte, daß er einen weiblichen Arsch mit allem Zugehör gesehen. Auf der einen Hälfte stand die Ziffer 1, auf der zweiten 3. Der Kaufmann hatte noch vorher im Sinne, ein Lotterielos zu kaufen. Dieses Taumbild deucht ihm eine Glückverkündigung. Ohne die neunte Stunde abzuwarten, lief er gleich in der Früh ins Bankgeschäft, um das Los zu kaufen. Er kam dort an, und ohne sich lange zu besinnen, verlangte er das Los No. 13, diejenigen Zahlen, die er im Traume gesehen. Nachdem er das Los gekauft, verging kein Tag, an dem er nicht in allen Zeitungen nachgesehen hätte, ob sein Los gewonnen. Nach einer Woche, nein spätestens nach etwa anderthalb, bekommt man die Ziehungliste. Wie er nun nachschaut, sieht er, daß seine Nummer nicht gezogen worden, wohl aber die Nummer 103, Serie 8, und die gewann 200 000 Rubel. Der Kaufmann hätte sich beinahe die Haare ausgerauft. »Ich muß mich wohl geirrt haben, es ist etwas nicht richtig.« Er war ganz aus dem Häuschen, er ward beinahe trübsinnig und begriff nicht, was das bedeutete, daß er so einen Traum gesehen. Dann beschloß er mit seinem Freunde die Sache zu erörtern, ob dieser ihm nicht (das Pech) erklären könnte. Er begegnete dem Freunde, erzählte ihm alles haarklein. Dann sagte der Freund: »Ach, du Einfaltpinsel. Hast du denn nicht am Arsch zwischen der Nummer 1 und 3 die Null bemerkt? ...« – »A-a-ah! der Teufel hol’s, ich bin gar nicht darauf verfallen, daß der Arsch die Null vorstellte.« – »Aber es war doch ganz klar und deutlich, du hast nur nicht die Losnummer richtig herausgefunden, und die Nummer 8 der Serie – das stellte die Voz vor, die ist der Ziffer 8 ähnlich.« Und es gab eine Reue, doch gab’s kein Zurück.

Unsere Absicht bei der Abfassung dieser kleinen Arbeit war eine zweifache. Wir wollten einerseits mahnen, daß man sich durch die oft abstoßend schmutzige und indezente Art des volkstümlichen Materials nicht abhalten lassen solle, in demselben nach wertvollen Bestätigungen für die psychoanalytischen Auffassungen zu suchen. So konnten wir diesmal feststellen, daß das Folklore Traumsymbole in der nämlichen Weise deutet wie die Psychoanalyse und daß es im Gegensatz zu laut ausgesprochenen volkstümlichen Meinungen eine Gruppe von Träumen auf aktuell gewordene Bedürfnisse und Wünsche zurückführt. Anderseits möchten wir aussprechen, daß man dem Volke unrecht tut, wenn man annimmt, daß es diese Art der Unterhaltung nur zur Befriedigung der gröbsten Gelüste pflegt. Es scheint vielmehr, daß sich hinter diesen häßlichen Fassaden seelische Reaktionen auf ernst zu nehmende, ja traurig stimmende Lebenseindrücke verbergen, denen sich der Mann aus dem Volke nur nicht ohne einen groben Lustgewinn hingeben will.

Bemerkungen

1. »Südslavische Volküberlieferungen, die sich auf den Geschlechtverkehr beziehen. VI. Fortsetzung«, gesammelt und erläutert von Dr. Friedrich S. Krauss, Anthropophyteia, Bd. 7 [1910], S. 450, Nr. B20.

1a. [Anmerkung von F. S. Krauss:] »Vergleiche dazu Anthropophyteia, Bd. 1 [1904], S. 4, Nr. 5. – [...] das judendeutsche Sprichwort [...]: Die Gans träumt vom Kukuruz und die Kalle (Braut) vom Wonz (= Zumpt) [...].«

2. »Niederösterreichische Schnadahüpfeln«, gesammelt von Dr. Hermann Rollett, Anthropophyteia, Bd. 5 [1908], S. 151, Nr. 2.

3. »Aus den österreichischen Alpen«, Kryptadia, Bd. 4 [1888], S. 111, Nr. 160.

4. [»Erotische Volkslieder aus Osterreich. II.« Lied] aus Gaming, Gb. Gaming, Niederösterreich, Anthropophyteia, Bd. 3 [1906], S. 190, Nr. 85, [Vers] 4.

5. Rops (1905), Blatt 20.

6. [Oppenheim:] Wie bei Rops der Apfel, ist auf einem römischen Relief des Amphitheaters von Nimes das Ei durch eine entsprechende Einkerbung zum Symbol des weiblichen Geschlechtsteiles umgestaltet. Auch hier fehlt das männliche Komplement nicht. Es erscheint als ein zum Vogel wunderlich herausstaffierter Phallus, der auf vier Eiern der geschilderten Art sitzt, man könnte fast sagen brütet. (Krauss, S. 204, Abb. Nr. 191 [s. Dulaure, 1909].)

7. »Schlesische Volklieder«, aufgezeichnet von Dr. von Waldheim [»Beiträge zur Volkliedsforschung«], Anthropophyteia, Bd. 7 [1910], S.369.

8. Vgl. dazu S. 359 und die südslavischen Fassungen bei Krauss, »Die Zeugung in Sitte, Brauch und Glauben der Südslaven«, Kryptadia, Bd.6 [1899], S.259–269 und S. 375f. Anmerkung des Herausgebers [der Anthropophyteia].

9. [Tarasevsky (1909)] S. 289–.

10. [Oppenheim:] Das Messer führt gewöhnlich ein »Einbrecher«. Auf welche Art von Einbruch er sinnt, zeigt eine sprichwörtliche Redensart: Solingen: nach der Hochzeit wird eingebrochen (Anthropophyteia, Bd. 5 [1908], S. 182 [»Solinger Sprichwörter und Redensarten«, von Dr. Heinrich Felder, Nr. 11]), natürlich mit dem Penis als »Brecheisen« (Anthropophyteia, Bd. 7 [1910], S. 33, berlinerisch [»Nachtrag zum erotischen Idiotikon der Berliner Mundart«, von Friedrich W. Berliner]).

11. [Oppenheim:] Vgl. weiter unten unsere Ausführungen über Heiratsgut als Bezeichnung des Penis, Portemonnaie für Testes c[um] Scroto, Parallelisierung von reicher Potenz mit Reichtum, von Golddurst mit Libido.

12. Ein anderer Lotterietraum in dieser kleinen Sammlung wird uns in dieser Vermutung bestärken.

13. Die psychoanalytische Erfahrung zeigt, daß die einer Zahl im Traume angehängten Nullen bei der Deutung weggelassen werden können.

14. Vgl. »Charakter und Analerotik«.

15 Jeremias (1905), S. 96.

16. [Ähnlich in] Mexiko.

17. Poggio [Bracciolini] (1905), S. 103f., Nr. 130.

18. Tarasevskyi (1909), S. 193–195 [Nr. 232].

19. [Oppenheim:] Dazu die dort angegebenen Parallelen. Anthropophyteia, Bd. 4 [1907], S. 342–345, Nr. 580f. [»Südslavische Volksüberlieferungen, die sich auf den Geschlechtverkehr beziehen (III. Fortsetzung)«, gesammelt, verdeutscht und erläutert von Dr. Friedrich S. Krauss, S. 342–344, Nr. 580: »Wie einer dem Teufel eine Kerze anzündete und wie der ihm geholfen«; S. 344–345, Nr. 581: »Erzählung, wie jener dem Teufel eine Kerze angezündet«].

20. »Charakter und Analerotik.«

21. »Deutsche Bauernerzählungen«, gesammelt im Ober- und Unterelsaß von F. Wernert, Anthropophyteia, Bd. 3 [1906], S. 72f., Nr. 15.

22. [Anmerkung in Anthropophyteia, Bd. 3 (1906), S. 73:] Siehe dazu Bd. 4, Romanische Meistererzähler, Nr. 130, S. 103!

23. [»Südslavische Volküberlieferungen, die sich auf den Geschlechtverkehr beziehen (IV. Fortsetzung)«, gesammelt, verdeutscht und erläutert von Dr. Friedrich S. Krauss, Anthropophyteia, Bd. 5 (1908),] S. 346, Nr. 737.

24. »Skatologische Erzählungen aus Preussisch-Schlesien«, von Dr. von Waldheim, Anthropophyteia, Bd. 6 [1909], S. 431, Nr. 9.

25. Tarasevskyi (1909), S. 196f. [Nr. 233],

26. [Oppenheim:] In einer Geschichte aus der Picardie dient als symbolisches Abbild der Erektion die Verschiebung eines Fingerringes nach abwärts. Je tiefer der Ring sinkt, desto länger – die Analogie wirkt natürlich zaubermächtig – wird der Penis. (Kryptadia, Bd. 1 [1883], Nr. 32.)

27. Vgl. Stekel (1911).

28. »Deutsche Bauernerzählungen«, gesammelt im Ober- und Unterelsaß von F. Wernert, Anthropophyteia, Bd. 4 [1907], S. 138, Nr. 173.

29. »Schwanke und Schnurren niederösterreichischer Landleute«, von A. Riedl, Anthropophyteia, Bd. 5 [1908], S. 140f., Nr. 19.

30. Erzählt von einem Gymnasiallehrer in Belgrad nach der Mitteilung einer Bäuerin aus der Gegend von Kragujevac [»Der Geruchsinn in der Vita sexualis«: Eine Umfrage von Dr. Iwan Bloch (Berlin). Erhebungen von Krauss, Mitrovic und Wernert], Anthropophyteia, Bd. 4 [1907], S. 255-57, Nr. 10.

31. [Oppenheim:] Kryptadia, Bd. 5 [1898], S. 15 (ganz ähnlich aus der Ukraine).

32. »Südslavische Volküberlieferungen, die sich auf den Geschlechtverkehr beziehen (IV. Fortsetzung)«, gesammelt, verdeutscht und erläutert von Dr. Friedrich S. Krauss, Anthropophyteia, Bd. 5 [1908], S. 293 f., Nr. 697.

33. Poggio [Bracciolini] (1905), S. 105, Nr. 133.

34. Rabelais (1532), Buch II, Kap. 28, S. 139

35. [Freud:] Auf diese Symbolik des Ringes und des Fingers bezieht sich Goethe in einem venetianischen Epigramm (Nr. 65 der Paralipomena. Sophienausgabe, Bd. 5, II. Abt., S. 381):

»Köstliche Ringe besitz ich! Gegrabne fürtreffliche Steine
Hoher Gedanken und Styls fasset ein lauteres Gold.
Theuer bezahlt man die Ringe geschmückt mit feurigen Steinen
Blinken hast du sie oft über dem Spieltisch gesehn.
Aber ein Ringelchen kenn ich, das hat sich anders gewaschen
Das Hans Carvel einmal traurig im Alter besaß.
Unklug schob er den kleinsten der zehen Finger ins Ringchen,
Nur der größte gehört würdig, der eilfte, hinein.«

36. Tarasevsky (1909), S. 40 [Nr. 63].

 

Literatur

Dulaure, J. A. (1909). Die Zeugung in Glauben, Sitten und Bräuchen der Völker. Leipzig.

Jeremias, A. (1904). Das alte Testament im Lichte des alten Orients. Leipzig.

Poggio [Bracciolini] (1905). Die Schwänke und Schnurren des Florentiners Gian-Francesco Poggio Bracciolini. Romanische Meistererzähler, 4. Leipzig.

Rops, F. (1905). Das erotische Werk Rops. Berlin.

Stekel, W. (1911). Die Sprache des Traumes. Wiesbaden.

Tarasevsky, P. (1909). Das Geschlechtsleben des Ukrainischen Bauernvolkes: Beiwerke zum Studium der Anthropophyteia 3. Teil I. Hrsgb. v. F. S. Krauss. Leipzig.

 


Anhang

Brief an D. E. Oppenheim

28. Oktober 1909

Prof. Dr. Freud

Wien, IX., Berggasse 19

Sehr geehrter Herr Doktor,

Sie überraschen mich mit einer Zusendung, in welcher mehrere angestrichene Stellen an mir bekannte Dinge anklingen und die mich sonst von neuem – wie so oft – bedauern läßt, daß zu meiner Kenntnis der Alten seit den Gymnasialzeiten so wenig hinzugekommen ist. Sie versehen den Abdruck mit einer Widmung, die ich als höchst bedeutsam noch erkenne. Wundern Sie sich also nicht, wenn ich neugierig anfrage, wie ich zu der mir erwiesenen Ehrung gekommen bin und ob ich einen Leser meiner Arbeiten in Ihnen erkennen darf, der durch alles Einzelwerk hindurch den tieferen Sinn derselben erraten hat?

Seit längerer Zeit verfolgt mich die Idee, daß unsere Studien über den Inhalt der Neurosen berufen sein könnten, die Rätsel der Mythenbildung aufzuklären, und daß der Kern der Mythologie kein anderer ist, als was wir den »Kernkomplex der Neurose« nennen, wie ich ihn unlängst in der Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben bloßlegen konnte. Zwei meiner Schüler, Abraham in Berlin und O. Rank in Wien, haben den Versuch gewagt, ins mythologische Gebiet einzufallen und dort mit Hilfe der psychoanalytischen Technik und Gesichtspunkte Eroberungen zu machen. Aber wir sind Dilettanten und haben allen Grund, uns vor Irrtümern zu fürchten. Uns fehlt der Schulsack, die Vertrautheit mit dem Material. Wir schauen darum nach einem Forscher aus, der die umgekehrte Entwicklung genommen hat, der die Sachkenntnis besitzt und unser psychoanalytisches Rüstzeug, das wir ihm gerne zur Verfügung stellen, dazu annehmen will, einen eingeborenen Forscher sozusagen, der ganz anderes wird leisten können als die ortsfremden Eindringlinge.

Sollten Sie dieser ersehnte Mann sein wollen? Was wissen Sie von der Psychoanalyse? Und haben Sie Muße und Neigung, zu dem angegebenen Zwecke weiter in sie einzudringen?

Verzeihen Sie, wenn ich mich geirrt und Zeichen überdeutet habe. In der Erwartung, von Ihnen zu hören,

Ihr in Hochachtung ergebener
Freud

 

Sigm. Freud: Gesammelte Werke chronologisch geordnet. Nachtragsband: Texte aus den Jahren 1885 bis 1938, S. 576–603. Frankfurt am Main: Fischer, 1987.

 

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